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Fotografie eines Gehörlosenlehrers



Unter der Führung und spannenden Präsentation von Jürgen Bergbauer besuchten Schüler/innen der 11. Klasse (Gestaltungszweig) die Fotoausstellung im Institut für Hören und Sprache. Herr Bergbauer, Lehkraft an der Beruflichen Oberschule, hat selbige kuratiert.

 

Bericht aus der Süddeutschen Zeitung (07.10.2017):

 

In all den einschlägigen Listen, in denen die bedeutenden Fotografen dieser Welt aufgeführt sind, taucht der Name Bruno Mooser nicht auf. Dabei hätte er eine solche Würdigung durchaus verdient, wie eine Ausstellung in Straubing gerade eindrucksvoll bezeugt. Mooser verstand sich zwar nur als Amateurfotograf, aber er war professionell ambitioniert. Letztlich hat er viel zu wenig Aufhebens um sich und seine Kunst gemacht, um populär zu werden.

 

Vom fotografischen Können und von der Präzision seines Blicks her muss der 2009 gestorbene Mooser trotzdem zu den Großen der Fotografenzunft gezählt werden. Zudem werden seine faszinierenden Aufnahmen sicher noch lange Zeit Interesse wecken, denn von den 130 000 Negativen und Dias, die er hinterlassen hat, existieren bislang nur einige tausend Abzüge. Der Großteil seines fotografischen Werks ist unbekannt. Welche Überraschungen und Sensationen da noch zu erwarten sind, zeigt die Ausstellung in Straubing überdeutlich, obwohl dort nicht die Breite seines Schaffens präsentiert wird, sondern vor allem Bilder aus dem Bereich der Gehörlosenpädagogik.

 

Auf den ersten Blick erweist sich, dass Mooser ein Perfektionist war, der an seine Bilder höchste Ansprüche stellte. Nur wenige Fotografien genügten seinen Qualitätsmaßstäben, und nur von Bildern, die er für perfekt hielt, fertigte er Abzüge an. Trotz dieser Zurückhaltung erfuhr er zu Lebzeiten durchaus internationale Anerkennung. Die Zeitschrift Leica Fotografie bezeichnete ihn sogar als "Meister der Leica".

 

Dass Mooser zuerst mit Fotos von taubstummen Kindern Aufsehen erregte, hängt mit seinem Beruf zusammen. Nach einem Studium der Gehörlosenpädagogik stieg er 1952 in der Straubinger Taubstummenanstalt als Lehrer ein. Dort widmete er sich fortan der Aufgabe, taubstummen Kindern, die oft aus entlegenen Einödhöfen des Bayerwalds kamen, behutsam die Welt des Lernens, des Erlebens und der Gemeinschaft zu erschließen. Später entwickelte er eine Sprachbuch-Reihe, und bis zur Pensionierung 1988 wirkte er als stellvertretender Direktor des Hörgeschädigteninstituts in Straubing.

 

Von Anfang an begleitete Mooser sein berufliches Umfeld mit der Kamera. Deshalb beleuchten seine Bilder nicht zuletzt die Entwicklung der Hörgeschädigtenpädagogik. Aufnahmen von Kindern, die hören lernen, sorgten in der Fachwelt für Aufsehen. Die 1956 entstandene Fotografie eines taubstummen Bauernbuben, der dank des Audiometers zum ersten Mal etwas hört, ist wohl das bekannteste Werk von Mooser. Hier passt alles: der Augenblick, das Licht, die Perspektive, der Hintergrund.

 

Der Fotografie-Experte Bernd Lohe schrieb einmal, allein um dieses Bild willen müsste man Mooser zu den großen Fotografen rechnen. "Die tiefe menschliche Bewegung, die einem solchen Vorgang innewohnt, springt von einem Blatt belichteten und entwickelten Bromsilberpapiers mit solcher Intensität über, . . . als seien keinerlei technische Apparate, keinerlei chemische Vorgänge dazwischen geschaltet."

 

Weil Mooser aber nicht als "Gehörlosen-Mooser" abgestempelt werden wollte, nahm er mehr und mehr die niederbayerische Lebenswelt in den Blick. Er hielt die Menschen, ihre Bräuche, ihren Alltag und ihre Arbeit mit der Kamera fest, früh ahnend, dass das Meiste im Vergehen war. Vieles nahm er wahr bei seinen Hausbesuchen hörgeschädigter Kinder.

 

Dabei porträtierte er Menschen frühestens nach einigen Besuchen, er drückte erst auf den Auslöser, wenn das Vertrauen gefasst war und die Menschen unbefangen waren. Zu der Freiheit, nicht beruflich fotografieren zu müssen, gesellte sich bei ihm eine von Respekt geprägte Grundhaltung: "Die Menschen, die ich porträtiere, sind Persönlichkeiten und keine Schauobjekte."

 

Im Stadtarchiv schlummert ein Schatz

 

Einen entscheidenden Moment dokumentarisch und witzig festzuhalten, wie es einst dem großen Henri Cartier-Bresson gelang, das schaffte auch Mooser immer wieder. Ihm genügte ein einziges Bild, um eine Geschichte zu erzählen. Wie etwa seine Aufnahme aus der Walhalla, als eine Putzfrau, unbeeindruckt auf der Leiter stehend, vor einer Schülergruppe den Staub von den Büsten fegt. Bündiger ist das Phänomen Walhalla nie erfasst worden.

 

Von seinem fotografischen Werk, das Mooser dem Stadtarchiv Straubing überlassen hat, ist bisher nur ein Bruchteil veröffentlicht. "Wir haben nun viel Geld in die Hand genommen, um diesen Nachlass zu sichten, zu ordnen und zu digitalisieren", sagt Stadtarchivarin Dorit-Maria Krenn. Bei dieser Arbeit zeigte sich, dass allein 1700 Bilder das berufliche Umfeld Moosers zum Thema haben. 218 von ihnen sind nun in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Aber schon sie machen deutlich, welch ein fotografischer Schatz da im Stadtarchiv Straubing schlummert. Eine einzigartige Dokumentation von europäischen Lebenswelten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, festgehalten aus dem Blickwinkel eines großen Könners.

 

Verfasst Hans Kratzer


Erstellt am 08.10.2017 von OStR Griesbeck