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Die übermächtige Stimme - Essstörungen



Referentin Sabrina Scharf spricht mit den SchülerInnen der FOS/BOS über ihre überwundene Essstörung

 

Sie möchte nicht belehren oder Studien und Statistiken präsentieren, beginnt Sabrina Scharf ihren Vortrag. Vielmehr teile sie ihre eigenen Erfahrungen mit und gebe so den SchülerInnen die Möglichkeit, ihre Essstörung als Sucht in der ganzen Bandbreite mit sicherem Abstand nachzuverfolgen. Eingebettet in eine unterrichtliche Sequenz konnten so die 12. Klassen des Sozialzweigs unter Anleitung ihrer Lehrkräfte Dorothée Kaiser und Kerstin Kiefl nicht nur einen Einblick in die Lebenswelt der Betroffenen gewinnen, sondern auch ins Gespräch mit der offenen und sehr ehrlichen Referentin kommen. Am Abend hielt sie den Vortrag für Lehrkräfte und interessierte Eltern. Er stellte somit das erste Angebot des neu gegründeten Fördervereins der Beruflichen Oberschule Straubing dar.

 

Anhand drastischer Beispiele schildert sie die Folgen ihrer zehnjährigen Sucht: Sie wollte, abgehungert wie sie war, an einer Gletschertour teilnehmen und überschätzte sich und ihre Kraft maßlos, sie zog sich immer mehr zurück aus ihrem sozialen Umfeld, um ihre Sucht geheim zu halten und nicht an Familienfeiern teilnehmen zu müssen und geht ein auf ihre mit Logik nicht nachvollziehbaren Maßnahmen, um möglichst wenige Kalorien zu sich zu nehmen, dies aber so gut es geht zu vertuschen. Es sollte nach außen hin der Eindruck aufrecht erhalten werden, alles sei in bester Ordnung. Und sie gesteht: „Es verging nicht ein Tag, an dem ich nicht gelogen habe.“ Trotzdem war der Leidensdruck über die vielen Jahre nicht groß genug, denn jeder Versuch, sich dagegen zu wehren, schlug spätestens nach zwei bis drei Tagen fehl. Der „inneren Stimme“, wie Scharf die übermächtige Sucht beschreibt, war sie bedingungslos ausgeliefert. Sie habe ihr „vordiktiert, wie sie zu leben habe“. Das sei sehr anstrengend und kräftezehrend gewesen, aber das Paradoxe: Je weniger man wiege, umso lauter werde auch die Stimme. Die entwickle sich zum Selbstläufer und gaukle einem eine extrem verzerrte Körperwahrnehmung vor. Nicht umsonst sei Magersucht die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit.

 

Wenn dann aus dem Umfeld Bitten an den Magersüchtigen herangetragen werden, doch wieder das Essen anzufangen, oder sogar mit Zwang gearbeitet wird, gehen die gut gemeinten Hilfeversuche ihrer Meinung nach hinten los. Vielmehr ist es wichtig, trotz der Lügen und -Verschleierungsversuche immer die Hand auszustrecken und Verständnis zu zeigen. In kleinen Schritten könne man die Sucht als Gemeinschaftsprojekt anpacken, aber das benötigt Mut und Zeit seitens des Betroffenen. Der Genesungsprozess beinhalte oftmals auch Rückschläge und funktioniere im Grunde genauso wie bei einer Alkohol- oder Drogensucht.

 

Was also tun, wenn der Verdacht auf Magersucht besteht, fragen die SchülerInnen: Zunächst einmal sei es nicht so einfach, überhaupt zu erkennen, dass jemand in die Sucht abrutscht, merkt Scharf an, denn das Körpergewicht ist nicht immer ausschlaggebend. Aber oftmals lassen sich Veränderungen im Sozialverhalten, Aggressivität und eine starke Abwehrhaltung beobachten, wenn die Betroffenen darauf angesprochen werden. Ihr persönlich habe es ungemein geholfen, wenn sie in ihren Ängsten ernst genommen wurde. Pure Logik helfe oftmals nicht weiter, sondern beständiges Senden von Ich-Botschaften durch vertraute Personen, um den Weg aus der Angst Stück für Stück heraus zu schaffen. Dies beinhalte weit mehr, als jemanden wieder auf Normalgewicht aufzupäppeln. Denn hinter der Sucht verbergen sich oft verdrängte, traumatische Erlebnisse. Auch bei ihr sei das so gewesen, berichtet sie, und sie konnte das tiefenpsychologisch therapieren. Von den Eltern würde sie sich mehr Offenheit im Umgang nach außen hin wünschen, denn die Gründe für eine Sucht können vielfältig sein und müssen nicht zwangsläufig in der Eltern-Kind-Beziehung liegen. Für junge Erwachsene, die sich während der Pubertät in einer besonders sensiblen Phase befinden, können traumatische Erfahrungen wie Mobbing oder auch Hilflosigkeit bei Liebeskummer ausschlaggebend sein. Am Ende, so ihr abschließender Rat, sollte der Fokus mehr auf der Überwindung der Krankheit und weniger auf dieser selbst liegen: „Jeder hat im Leben ein Ziel! Und ich habe angefangen, wieder Ideen zu sammeln und mir Ziele zu setzen. Und ich habe begonnen, für diese Ziele auch zu kämpfen. Dazu braucht man Kraft.“

 

OStRin Julia Vogel